Gesundheit

5 Fragen an Dr. Silke Schmitt Oggier - Reisekrankheit bei Kindern – wie vorbeugen, wie behandeln?

«Dieses Jahr machen wir in den Sommerferien Tagesausflüge mit dem Auto. Eigentlich freuen wir uns darauf, auch einmal zuhause zu bleiben und mit unseren beiden Söhnen (acht und zehn) die Schweiz zu erkunden. Wenn da nur nicht die Reisekrankheit vor allem des Älteren wäre - 

Dr. Silke Schmitt Oggier - Med.Leiterin sante24
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SWICA Gesundheitsorganisation

die hatten wir mit dem Flugzeug mittlerweile ganz gut im Griff. Mit dem Auto passiert es aber immer wieder, dass es ihm wirklich nicht gut geht. Haben Sie irgendwelche Tipps oder Medikamente, die Sie uns empfehlen könnten?» fragt Carmen Niederer die santé24-Gesundheitsberaterin.

 

Was ist eigentlich die Reisekrankheit?
Die sogenannte Reisekrankheit kann entstehen, wenn das Gehirn verschiedene Sinneseindrücke der räumlichen Lage und Bewegung des Körpers gemeldet bekommt, die nicht übereinstimmen. Augen, Gleichgewichtssinn und unser Bewegungsapparat liefern diese Informationen. In geschlossenen Fortbewegungsmitteln können z.B. Beschleunigung, Abbremsen und Kurvenfahren bei gleichzeitiger Konzentration der Augen auf unbewegte oder sich anders bewegende Dinge wie ein Buch oder ein Film/Game Symptome der Reisekrankheit hervorrufen. Zu diesen gehören Müdigkeit, kalter Schweiss, Blässe, Unwohlsein, Übelkeit, Schwindel, Kopfweh und Kreislaufbeschwerden. Wenn der Auslöser nicht verändert werden kann, wie z.B. auf hoher See auf einem Schiff, kann die Reise- oder Seekrankheit mehrere Tage andauern und sich verschlimmern.

Sind Kinder auch von der Reisekrankheit betroffen?
Kinder unter zwei Jahren sind normalerweise nicht von der Reisekrankheit betroffen; vielleicht auch, weil sie oft beim Reisen schlafen. Zwischen zwei und zwölf Jahren können bei empfindlichen Kindern die Symptome sogar zunehmen. Danach wird die Reisekrankheit in der Regel wieder besser und tritt nur noch in besonders herausfordernden Situationen, z.B. beim Fahren auf Passstrassen, sehr bewegter See usw. auf. Jungs und Mädchen bzw. Frauen und Männer sind gleichermassen betroffen.

Was haben Histamin-Intoleranz und Reisekrankheit miteinander zu tun?
Vor allem bei Matrosen hat man entdeckt, dass es einen Zusammenhang zwischen Histamin-Intoleranz und Reisekrankheit geben kann. Matrosen, die auf histaminarme Ernährung geachtet haben oder die Histamin-Intoleranz medikamentös behandelt haben, hatten weniger Probleme mit der Seekrankheit. Deshalb empfiehlt man, bei Anfälligkeit für Reisekrankheit vor und auf der Fahrt keine histaminreichen Nahrungsmittel wie z.B. geräucherte Fleischprodukte wie Rohschinken oder Salami, Tomaten, Erdbeeren, reifen Käse oder Thunfisch-Konserven zu essen. Prinzipiell sollte man vor und während längeren Autofahrten lieber mehrere kleinere, leicht verdauliche Mahlzeiten zu sich nehmen und das am besten während einer Autopause an der frischen Luft und nicht während des Fahrens.

Kann man ohne Medikamente etwas gegen die Reisekrankheit im Auto machen?
Das einfachste Mittel beim Autofahren ist, geradeaus in Fahrtrichtung zu blicken. Dann können die Augen die unterschiedlichen Sinneseindrücke korrigieren. Seitlich aus dem Fenster zu schauen ist dagegen nicht hilfreich. Lesen, gamen oder Videos schauen verstärken die Reisekrankheit. Ratespiele, beispielsweise «Ich sehe etwas, das Du nicht siehst», können helfen, da sie den Fokus nach draussen nach vorne richten und die Konzentration auf etwas Anderes lenken.

Als pflanzliches Mittel hat sich Ingwer bewährt. Diesen kann man frisch in kleine Scheibchen geschnitten kauen oder als Tabletten oder Kaugummi konsumieren. Kaubewegungen helfen generell gegen die Beschwerden. Auch homöopathische und anthroposophische Mittel kann man ausprobieren. Am besten lässt man sich dazu in der Apotheke beraten.

Welche Medikamente gibt es gegen die Reisekrankheit?
Schulmedizinisch helfen vor allem bestimmte Anti-Allergiemittel wie z.B. Feniallerg Tröpfchen, das viele Eltern von juckenden Ausschlägen, Insektenstichen oder ähnlichem kennen. Auch in Itinerol B6®-Zäpfchen oder -Kapseln ist ein Antiallergikum, kombiniert mit Koffein, damit es nicht so schläfrig macht. Mit der Einnahme dieser Anti-Allergie-Medikamente sollte man schon vor der Abreise beginnen und muss sie gegebenenfalls bei längeren Fahrten oder Ausflugstagen wiederholen. Helfen diese eher leichteren Medikamente nicht, gibt es hauptsächlich für Erwachsene ein stärkeres Mittel. Es gehört in die Klasse der Kalzium-Kanalblocker, die sonst z.B. bei Durchblutungsstörungen im Innenohr angewandt werden und heisst Stugeron (rezeptpflichtig). Seglern ist Stugeron als Tablette oder als Tropfen bekannt. Bei Kindern sollte man allerdings damit sehr vorsichtig sein und zuerst alles andere ausprobieren!

Carmen Niederer entscheidet sich für ein stufenweises Vorgehen ohne Medikamente, nimmt diese aber auf die Ausflüge. Falls sie im Verlauf doch ein Rezept brauchen würde, kann eine santé24-Ärztin ihr dieses in eine Apotheke ihrer Wahl mailen. So ist Familie Niederer gut vorbereitet und sie hofft, dass sie viele neue Orte in der Schweiz kennenlernen wird.

 

Dr. med. Silke Schmitt Oggier ist die Medizinische Leiterin von santé24 und selber Fachärztin für Kinder und Jugendliche. Die telemedizinische Beratung ist eine zentrale Dienstleistung von santé24, die den SWICA-Versicherten bei allen Fragen rund um die Gesundheit unter der Nummer 044 404 86 86 kostenlos zur Verfügung steht. Eine Praxisbewilligung für Telemedizin ermöglicht es den Ärzten von santé24 zudem, bei telemedizinisch geeigneten Krankheitsbildern weiterführende ärztliche Leistungen zu erbringen. Mit der medizinischen App BENECURA können SWICA-Versicherte ausserdem bei Krankheitssymptomen einen digitalen SymptomCheck machen und erhalten Empfehlungen fürs weitere Vorgehen. Bei einem anschliessenden Telefonat mit santé24 entscheidet der Kunde im Einzelfall selber, ob er die im SymptomCheck gemachten Angaben santé24 freigeben möchte.

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