«Meine Tochter Lea (8) hat sich heute beim Schlitteln das Schlüsselbein gebrochen. Es hat wohl höllisch weh getan, sie konnte den Arm fast nicht mehr bewegen und sie ist eigentlich wirklich nicht zimperlich. Auf dem Notfall hat man den Bruch auch schon ohne Röntgenbild von aussen gut gesehen. Es hat eine richtige Stufe links zwischen Hals und Schulter. Es wurde dann aber trotzdem ein Röntgenbild gemacht» erzählt Herr Amstutz am santé24-Telefon. «Die Chirurgen hier im Spital in den Bergen wollen das nicht operieren, obwohl der Bruch deutlich verschoben ist. Sie sagen, das wächst sich wieder aus und haben nur einen komischen Verband gemacht. Meine Frau und ich können uns das aber gar nicht vorstellen und fragen uns, ob wir nicht doch unsere Ferien abbrechen und mit Lea ins Kinderspital bei uns zuhause gehen sollen, wo es Spezialisten gibt?» Die santé24-Gesundheitberaterin bietet den Eltern einen baldigen Rückruf der Kinder-Chirurgin an, die gerade Dienst hat. Sie bittet sie noch um den Link zur Röntgenabteilung des Spitals, damit die Ärztin sich das Bild selber anschauen kann.
Passiert es häufig, dass Kinder sich das Schlüsselbein brechen?
Ja, jeder vierte Bruch im Kindesalter ist ein Schlüsselbeinbruch. Vor allem beim Sturz auf die Schulter oder die ausgestreckte Hand kann das Schlüsselbein als Verbindungsknochen zwischen Brustbein und Schulter brechen. Ein Grund ist, dass der Schlüsselbeinknochen erst mit ca. 20 Jahren seine endgültige Härte erreicht, ein anderer sind Sportarten, die mit Stürzen aus einer gewissen Geschwindigkeit heraus verbunden sein können, bei Kindern aber beliebt sind wie z.B. Skateboarden, Radfahren oder Wintersportarten wie Skifahren, Snowboarden, Schlittschuhlaufen oder eben Schlitteln. Beim Snowboarden ist die Schlüsselbeinfraktur sogar der zweithäufigste Bruch. Wegen häufiger Schneesport- oder Mountainbike-Verletzungen bei Personen jeden Alters haben die Chirurgen in den Bergregionen damit meistens sehr viel Erfahrung, teilweise sogar mehr als ihre KollegInnen im Flachland.
Wenn man den Bruch schon von aussen sieht, muss man dann nicht operieren?
Einen Bruch des Schlüsselbeins kann man oft schon mit blossem Auge erkennen, da der Knochen an der Stelle meist direkt unter der Haut liegt, also nicht von viel Muskel- oder Fettmaterial bedeckt ist. Eine Operation braucht es im Kindesalter trotzdem selten und nur dann, wenn der Bruch an einer ungünstigen Stelle nahe an einem der anschliessenden Gelenke liegt oder andere Verletzungen von Knochen, Nerven oder Gefässen dazukommen. Einen Gips anzulegen ist allerdings bei der Schlüsselbeinfraktur nicht möglich, sonst müsste man den ganzen Oberkörper eingipsen, was unter anderem wegen der Atmung gar nicht möglich ist.
Was kann man machen, damit es trotzdem gut heilt und möglichst wenig schmerzt?
Mithilfe eines speziellen Verbands, der beide Schultern leicht nach hinten zieht und Rucksackverband genannt wird, wird die Bewegung eingeschränkt und der Bruch so etwas fixiert. Auch wenn der Bruch verschoben ist, wächst er dann, vor allem in der Kindheit, in der Regel wieder gut zusammen und der Körper gleicht die sichtbare «Stufe» mit der Zeit selber aus. Wichtig ist ein gutes Schmerzmittelregime, da eine absolute Ruhigstellung nicht möglich ist. Vor allem auch nachts müssen die Schmerzmittel wirken, da man die eigenen Bewegungen im Schlaf schlechter kontrollieren kann.
Wie lange dauert es, bis man Arm und Schulter wieder normal bewegen kann?
Bei kleinen Kindern bis etwa zwei Jahre dauert es nur etwa zwei Wochen, bei Kindern bis zur Pubertät drei bis vier Wochen, bis der Bruch soweit geheilt ist und Bewegungen im Schulter-/Armbereich wieder normal und schmerzfrei möglich sein sollten. Bei Teenagern erhöht sich die Dauer bereits auf sechs bis acht Wochen. Während dieser Zeit ist es ganz wichtig, dass der Knochen nicht erneut verletzt wird. Das bedeutet, dass die Kinder Sport, wildes Toben und andere sturzanfällige Situationen unbedingt vermeiden müssen. Physiotherapie zum Mobilisieren nach der Ruhigstellung ist bei Kindern oft nicht notwendig, da sie, sobald sie schmerzfrei sind, einfach ohne Angst und ohne nachzudenken die Extremität wieder bewegen und belasten.
Wird das kosmetisch schön, wenn man den Bruch nicht operiert?
Vor allem im Kindesalter kann der Körper manche erworbenen Achsenfehlstellungen oder Knochenstufen mit dem Wachstum selbst ausgleichen. Beim Schlüsselbein ist das auch so. Allerdings gibt es immer in der Heilungsphase von Knochenbrüchen an der Bruchstelle eine überschiessende Ansammlung neuen Knochenmaterials, das wie ein harter Knubbel imponiert und das man in der Medizinersprache Kallus nennt. Je weniger die Ruhigstellung funktioniert, desto grösser ist in der Regel die Kallusbildung. Da man den Schüsselbeinbruch ja nicht komplett ruhigstellen kann, entsteht ein relativ grosser Kallus, den man unter der Haut sehr gut sieht und auch spürt. Bis der Kallus ganz verschwindet, dauert es dann mehrere Monate. Mit dieser zeitlich begrenzten kosmetischen Einschränkung muss man sich abfinden. Ganz am Ende der Heilungsphase ist vom Schlüsselbeinbruch in der Regel nichts mehr zu sehen, egal, wie gross die «Stufe» am Anfang oder der Kallus während der Heilung war.
Herr Amstutz hat das Telefon während der Beratung durch die santé24-Kinderchirurgin, die sich zur Sicherheit auch das Röntgenbild angeschaut hatte, auf «laut» gestellt, so dass seine Frau und Lea selber mithören konnten. Sie sind beruhigt, dass sie auf dem Spitalnotfall in den Bergen kompetent und richtig beraten und behandelt worden sind und können sich jetzt auch besser auf die gesamte Heilungsphase einstellen. Die Skiferien muss die Familie also nicht abbrechen, allerdings muss Lea jetzt natürlich mit Schneespaziergängen statt «Snöben» oder Schlitteln Vorlieb nehmen, was sie weniger cool findet, da sie auch mit dem Snowboard noch einige Tricks ausprobieren wollte. Das muss sie wohl oder übel auf die nächste Saison verschieben.
Dr. med. Silke Schmitt Oggier ist die Medizinische Leiterin von santé24 und selber Fachärztin für Kinder und Jugendliche. Die telemedizinische Beratung ist eine zentrale Dienstleistung von santé24, die den SWICA-Versicherten bei allen Fragen rund um die Gesundheit unter der Nummer 044 404 86 86 kostenlos zur Verfügung steht. Eine Praxisbewilligung für Telemedizin ermöglicht es den Ärzten von santé24 zudem, bei telemedizinisch geeigneten Krankheitsbildern weiterführende ärztliche Leistungen zu erbringen. Mit der medizinischen App BENECURA können SWICA-Versicherte ausserdem bei Krankheitssymptomen einen digitalen SymptomCheck machen und erhalten Empfehlungen fürs weitere Vorgehen. Bei einem anschliessenden Telefonat mit santé24 entscheidet der Kunde im Einzelfall selber, ob er die im SymptomCheck gemachten Angaben santé24 freigeben möchte.

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