Gesundheit

5 Fragen an Dr. Silke Schmitt Oggier - Nur körperbewusst oder schon auf dem Weg zur Magersucht??

Sara und Joel Blumer sind an jenem Samstagabend gemeinsam am santé24-Telefon. Sie machen sich Sorgen um ihre 15-jährige Tochter Zoé. «Die Lehrerin hat uns beim letzten Elternabend gefragt, ob es Zoé wirklich gut gehe.

Dr. med. Silke Schmitt Oggier - Med. Leiterin santé24
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Autor:
SWICA Gesundheitsorganisation

Sie wirke nach den Sommerferien noch dünner als vorher» erklären die bekümmerten Eltern. Sie möchten wissen, an was man eine Essstörung erkennt und ob ihre Tochter eventuell gefährdet ist, an einer Magersucht zu erkranken.

 

Was ist Magersucht?

Magersucht ist eine Essstörung, die zu starkem, beabsichtigtem Gewichtsverlust führt. Die betroffenen Mädchen oder Jungen nehmen in kürzerer Zeit oder auch langsam und beständig stark ab oder in einer Wachstums- und Entwicklungsphase nicht genügend zu. Wichtig ist, dass dieser Gewichtsverlust selber und absichtlich herbeigeführt wird. Man muss somit immer ausschliessen, dass der Gewichtsverlust aufgrund einer noch unentdeckten Krankheit, beispielsweise der Schilddrüse oder des Magen-Darm-Trakts auftritt. Kennzeichnend ist auch, dass die betroffenen Jugendlichen eine verzerrte Wahrnehmung ihres Gewichts und ihres Körpers haben. Sie empfinden sich konsequent als zu dick, obwohl alle anderen sie zu dünn finden.

Gibt es verschiedene Formen von Magersucht?

Es gibt verschiedene Formen von Essstörungen, die zu lebensbedrohlichem Untergewicht oder bleibenden körperlichen Schäden führen können; Magersucht ist eine davon. Andere häufige Formen, die auch alle ineinander übergehen können sind die Bulimie (Ess-Brech-Sucht) und die Binge-Eating-Störung, bei der es zu Fressattacken kommt, die zu Übergewicht oder in Kombination mit herbeigeführtem Erbrechen oder Abführmittelübergebrauch auch zu Untergewicht führen kann. So unterschiedlich sich Essstörungen zeigen, eines ist für alle kennzeichnend: Essen bestimmt das Leben der Betroffenen. In allen Lebenssituationen sind sie auf das Essen bzw. Nicht-Essen fixiert.

Ab welchem Alter kann man das bekommen?

Besonders anfällig sind Jugendliche im Umbruch ihres Körpers und ihrer Autonomiebestrebungen. Zum einen werden Körpermerkmale und -veränderungen plötzlich wichtig, man vergleicht sich vermehrt mit anderen und hat Ideale, denen man folgen möchte. Andererseits können und möchten die Jugendliche auch übers Essen mehr selber bestimmen, sowohl zeitlich als auch inhaltlich. Auch Esstrends wie vegetarische oder vegane Ernährung, Protein-Power-Drinks oder -Bowls und anderes wird plötzlich als Lebenshaltung, Opposition gegen die Eltern oder aus Gesundheits- oder Körperkulturgründen interessant.  Der Trend dazu, diese Themen wichtig zu finden, beginnt aber zunehmend in immer jüngerem Alter, in dem die Kinder die Tragweite ihrer Entscheidungen oftmals noch nicht genügend abschätzen können.

Wie merkt man das als Eltern, ob eine unnormale Auseinandersetzung mit dem Essen und dem Körpergewicht vorliegen könnte?

Wenn das Essen zum ständigen Thema oder auch Streitthema wird, sollte man hellhörig werden. Auch, wenn Jugendliche gemeinsame Mahlzeiten im Familienkreis meiden oder sich dort oder auch nach dem Essen auffallend benehmen. Neben der plötzlichen Auseinandersetzung mit Kalorien und «gesundem» Essen kommt oft noch ein starker Bewegungs- oder Sportdrang dazu, der fast suchtähnlich anmutet. Beides wird nicht selten mit dem Ziel eines schlanken, sportlichen Körpers entschuldigt, das noch nicht erreicht ist. Häufig wird auch am eigenen Körper rumgemäkelt, mit dem man nicht zufrieden ist. Mehr als 6 kg Gewichtsverlust in 3 Monaten ist besorgniserregend, wobei Jugendliche ja normalerweise nicht im Beisein der Eltern auf die Waage stehen und sich nicht selten auch nur noch verhüllt und auf keinen Fall nackt im Familienkreis zeigen. Insofern sind fast das Verhalten und Äusserungen zum Thema Essen, Körper, Sport usw. die Dinge, die neben dem körperlichen Aspekt am meisten auffallen.

Kann man das Problem ohne externe Hilfe lösen?

Wenn jemand gar nicht mehr zugänglich ist für Diskussionen zu den genannten Themen, auch wenn man als Eltern ein gewisses Verständnis für die jugendlichen Ideale hat, aber auch Besorgnis äussert, sollte man sich professionelle Hilfe holen. Allerspätestens, wenn zusätzliche körperliche Veränderungen auffallen wie sehr trockene Haut, eventuell Mundwinkelrhagaden, Haarausfall, Ausblieben der Mens bei Mädchen, dann braucht es professionelle Beratung oder sogar Intervention. Geeignet hierfür sind Kinderärztinnen und Kinderärzte, sowie Psychologinnen und Psychologen; beides ist unter Umständen auch im schulischen Umfeld zu finden.

Da es bei Zoé bereits einige Hinweise in Richtung Essstörung gibt, empfiehlt der santé24-Gesundheitsberater den Eltern, einen Termin in der psychologisch-psychiatrischen Sprechstunde von santé24 zu vereinbaren und sich von den Fachpersonen beraten zu lassen, wie vorzugehen ist bzw. welche nächsten Schritte sie den Eltern empfehlen können. Der telefonische Termin ist schon drei Tage später möglich, was die Eltern sehr beruhigt.

 

Dr. med. Silke Schmitt Oggier ist die Medizinische Leiterin von santé24 und selber Fachärztin für Kinder und Jugendliche. Die telemedizinische Beratung ist eine zentrale Dienstleistung von santé24, die den SWICA-Versicherten bei allen Fragen rund um die Gesundheit unter der Nummer 044 404 86 86 kostenlos zur Verfügung steht. Eine Praxisbewilligung für Telemedizin ermöglicht es den Ärzten von santé24 zudem, bei telemedizinisch geeigneten Krankheitsbildern weiterführende ärztliche Leistungen zu erbringen. Mit der medizinischen App BENECURA können SWICA-Versicherte ausserdem bei Krankheitssymptomen einen digitalen SymptomCheck machen und erhalten Empfehlungen fürs weitere Vorgehen. Bei einem anschliessenden Telefonat mit santé24 entscheidet der Kunde im Einzelfall selber, ob er die im SymptomCheck gemachten Angaben santé24 freigeben möchte.

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